Zwei Frauen, zwei Kulturen, zwei Religionen und eine gemeinsame Leidenschaft: Laufen. Dies ist die nicht ganz alltägliche Geschichte von Ahlam (37) und Esther (56), die sich zufällig in einer Notunterkunft für Flüchtlinge kennenlernen, über das Laufen zueinander finden und Grenzen überwinden, die für viele unüberwindbar sind – oder scheinen.

Ahlam und EstherAls Esther Ahlam kennenlernt, ist diese gerade mit ihrem Mann (30) und ihrem Sohn (4) in ihrer Notunterkunft in einem kleinen Dorf im Hochsauerland angekommen. Die Herz-OP-Schwester und ihre Familie sind Moslems und aus ihrer Heimat Syrien geflohen. Kriegs- und Fluchterlebnisse überschatten die schönen Erinnerungen, die sie neben ein paar anderen Habseligkeiten aus ihrem alten Leben als Syrer auch mitgebracht haben. Jetzt sind sie in Sicherheit, aber fremd, ohne Arbeit und ohne Perspektive. Jetzt sind sie Asylanten.

Als Esther (56) an ihre Tür klopft, zufällig, weil sie wissen möchte, wer da jetzt neu in ihrer Nachbarschaft lebt, ist sie sofort willkommen. Beide Frauen sprechen gut Englisch und können so die Sprachgrenze mühelos überwinden. Schon nach dem ersten Treffen wird ein weiteres vereinbart.

„Darf ich mit dir laufen“
Ab und an trägt Esther bei ihren Treffen Laufkleidung, denn sie ist eine leidenschaftliche Läuferin und es vergeht kein Tag, an dem es sie nicht auf die Laufstrecke zieht. Die Physiotherapeutin, die auch Gesundheitscoach ist, lebt vegan und läuft seit ca. 1, 5 Jahren jeden Tag – auch um zu zeigen, wie belastbar sie als Veganerin ist. Das Laufen gehört zu ihrem Leben und ist, wie sie sagt, ihre Lebensversicherung. Irgendwann wird klar, dass auch Ahlam in Syrien viel und gerne gelaufen ist. Zumindest solange, bis der Krieg das Laufen für sie zu einem lebensbedrohlichen und somit unmöglichen Hobby gemacht hat.

„Darf ich mit dir laufen?“ – diese Frage von Ahlam an Esther ist für die Syrerin nicht nur die Frage nach einer gemeinsamen Unternehmung, sondern nach einem Stück Heimat, nach einem Stück Normalität. In Syrien ist sie gelaufen, um sich von einem anstrengenden Tag im OP zu erholen, um den Kopf frei zu kriegen, um sich zu entspannen. Jetzt, in Deutschland, läuft sie, um einfach wieder dieses verlorengegangene Gefühl eines normalen Lebens zu haben. Und sie läuft, um wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren, denn der wurde ihr durch die Flucht entzogen.

„Du bist meine Schwester“
Esther freut sich über das gemeinsame Lauftraining und obwohl sie besser trainiert ist, passt sie sich Ahlams Geschwindigkeit an und bleibt an ihrer Seite. Und das nicht nur beim Laufen, denn mittlerweile hat sich zwischen den beiden Frauen eine Freundschaft entwickelt. Esther hilft Ahlam beim Deutschlernen, bei Behördengängen, bei der Suche nach einem Kindergarten für Ahlams Sohn – und organisiert ihr auch ein Paar neuen Laufschuhen und ein Laufoutfit.

Ahlam und Esther laufen

Bei einem ihrer Läufe fragt Ahlam Esther irgendwann ganz unvermittelt, ob es sie eigentlich störe, dass sie mit einem Kopftuch läuft. „Nein“, erwidert Esther da, „wenn es dich nicht stört, dass du mit einer Jüdin in engen Laufhosen befreundet bist.“ Bisher hat Esther Ahlam noch nicht verraten, dass sie Jüdin ist, denn für sie persönlich spielt der Glaubensunterschied zwischen ihnen keine Rolle. Ahlam ist überrascht über diese Antwort, entgegnet aber ohne zu überlegen: „Du bist nicht meine Freundin, du bist meine Schwester.“ Dann laufen sie weiter, mit dem sicheren Gefühl, das Frieden immer im Kleinen, im Miteinander beginnt.

Und die Schwester führt Ahlam weiter in die neue Familie, in das Dorf im Hochsauerland, ein. Auch Ahlams Mann findet Anschluss im örtlichen Sportverein und ihr Sohn hat beim Kinderturnen Spaß. Die Bewilligung des Asylantrags schleppt sich dahin, aber aus der Asylantin mit Mann und Kind, sind nun Ahlam, Ibrahim und Zeen aus Syrien geworden.

Esther und Ahlam schmieden weitere Pläne – auch in Sachen Laufen. Nachdem der erste gemeinsame Start bei einer Laufveranstaltung – der ersten für Ahlam – aufgrund von Krankheit geplatzt ist, wollen sie nun beim BEAT RUN in Köln starten. Eine Grenze in Form einer Bestzeit haben sie sich hier nicht gesetzt. Sie wollen laufen, Musik hören und Spaß haben. Wollen einfach da sein, gemeinsam. Und werden sich nicht fremd fühlen, denn: „ …beim Laufen, sind alle gleich“, ist Esther überzeugt, „ jeder setzt einen Fuß vor den anderen und jeder kommt irgendwann irgendwo an!“


Kategorien : Erlebnisberichte & Events


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