Es gibt Sportler, die vegan leben und dabei sportliche Erfolge feiern. Wir haben einige Veganer beim Brüder Grimm Lauf getroffen und sind ins Gespräch gekommen. Hier lest ihr ein Interview von Tabitha mit Katrin Schäfer.

Veganerin KatrinKatrin Schäfer ist 36 Jahre alt, hat Ernährungswissenschaften studiert und ernährt sich seit Mitte 2010 aus ethischen Gründen vegan. Eine der besten Entscheidungen ihres Lebens, sagt sie. Wir wollten wissen, warum es dazu kam und wie es sich als Veganer sportlich so lebt. Auf beVegt – vegan leben und laufen schreiben Katrin und ihr Freund regelmäßig über ihre Leidenschaften: – das Laufen und die vegane Ernährung.

Was ist Veganismus?

In Deutschland leben rund 1,2 Millionen Veganer (laut Vegetarierbund Deutschland). Diese aus dem Vegetarismus hervorgegangene Einstellung bezeichnet eine Lebens- und Ernährungsweise, die den Verzehr von Tieren und jede sonstige Nutzung von tierischen Produkten (zum Beispiel in Kosmetik und Kleidung) ablehnt. Meist nennen Veganer Argumente für ihren Lebensstil aus den Bereichen Tierethik, Umweltschutz, Gesundheit und Welternährungsprobleme.

Interview

Tabitha: Was sind eigentlich Veganer – und reicht es nicht, Vegetarier zu sein?

Katrin: Veganer sind Menschen, die keine Produkte konsumieren, die von Tieren kommen. Das sind neben Fleisch und Fisch auch Eier, Milch, Milchprodukte und Honig. Die meisten Veganer ernähren sich nicht nur vegan, sie “leben” vegan. D.h. ich trage keine Wolle, Seide oder Leder und achte beim Kauf von Kosmetik oder Wasch- und Putzmitteln darauf, dass sie keinerlei Zusätze von Tieren enthalten – was gar nicht so selten ist – oder an Tieren getestet wurden.

In meinen Augen reicht es nicht, Vegetarier zu sein. Für Milch und Eier müssen allein in Deutschland unzählige Tiere leiden, wenn sie unter unwürdigen Bedingungen “leben”. Auch Biohaltung macht da keine Ausnahme. Allein in Deutschland landen jährlich 50 Millionen männliche Küken im Müllschredder, weil sie keine Eier legen. Kälber werden zwei Tage nach der Geburt von ihren Müttern getrennt (was für beide eine enorme emotionale Belastung ist, genau wie es das auch für eine Mutter und ihr neugeborendes Baby wäre). Die Kühe werden für Menschen gemolken, die Kälber möglichst eisenarm ernährt, damit das Kalbfleisch “schön hell” bleibt. Kühe werden ihr ganzes Leben lang hormonell schwanger gehalten, damit sie trotz Schmerzen und Euterentzündungen Milch geben, und nach wenigen Jahren ausgepowert sind und beim Schlachter landen. Nein, aus ethischen Gründen reicht es nicht, Vegetarier zu sein.

Tabitha: Macht Veganer sein eigentlich einsam?

Katrin: Gegenfrage: Macht Rauchen einsam? Macht Atheismus einsam? Macht Homosexualität einsam? Warum einsam? Weil ich “anders” bin? Weil Veganismus (noch) eine Randerscheinung ist? Weil ich nicht das mache, was die meisten machen? Weil ich mir Gedanken über andere Lebewesen mache? Dann bin ich gerne einsam.

Nein, ganz ehrlich: Vegan sein macht nicht einsam. Es kommt immer darauf an, wie man mit dem Veganismus umgeht. Ich missioniere nicht, begegne niemandem mit erhobenem Zeigefinger oder mache ein schlechtes Gewissen, sondern lebe diesen Lebensstil positiv vor. Das macht nicht einsam. Vielmehr weckt es Interesse. Ich zwinge niemandem meine Meinung auf und rede über die Gründe und Hintergründe nur, wenn ich gefragt werde, wie du es getan hast.

Tabitha: Viele Sportler glauben, dass Veganer keine sportlichen Hochleistungen bringen können. Was denkst du darüber?

Vegan leben und laufenKatrin: Da gibt es ja glücklicherweise genug Beispiele, die das Gegenteil beweisen: Scott Jurek, Mac Danzig, Patrik Baboumian, Brendan Brazier, Fiona Oakes, Rich Roll, Alexaner Dargatz, Michael Griesmeier und Robert Cheeke, um nur einige zu nennen. Ich selbst bin seit dem Umstieg auf die vegane Ernährung auf allen Distanzen schneller geworden, auch wenn ich das nicht nur auf die vegane Ernährung schiebe, sondern natürlich auf mein hartes Training. Zumindest kann ich behaupten, dass mich die vegane Ernährung offensichtlich nicht langsamer gemacht hat. Was sollte mir als Veganerin fehlen? Mein Hausarzt wünscht sich meine Blutwerte für 99% seiner Patienten. Selbst mein Eisenwert ist im Normbereich – und der war als ich noch “Allesesserin” war immer mein Problemwert.

Tabitha: Warum lohnt es sich, (auch mal) auf tierische Produkte zu verzichten?

Katrin: Ich verzichte nicht auf tierische Produkte, ich esse sie nicht. Das ist ein großer Unterschied. Für mich ist der Veganismus kein Verzicht, sondern eine große Bereicherung. Wenn du auf tierische Produkte “verzichtest”, lernst du neue Lebensmittel, Gerichte und Zubereitungsarten kennen und beschäftigst dich ganz neu mit deiner Umwelt. Für mich war das ein großes Aha-Erlebnis. Gerade wenn du selbst kochst sind viele vegane Gerichte gesund (muss aber nicht so sein!) und für Sportler ideal: Vollkornprodukte, Gemüse, Hülsenfrüchte, etc. Zudem unterstützt du das System “Massentierhaltungen” nicht mehr – für mich persönlich ist das ein gutes Gefühl.

Tabitha: Wie und wann kamst du auf die Idee, Veganerin zu werden?

Katrin: Mein Freund Daniel hat im August 2010 ein fleischloses Experiment gestartet und wollte sich einen Monat vegetarisch ernähren. Ich fand das erst übertrieben, da wir nicht mehr als 2-3x pro Monat Fleisch oder Fisch gegessen haben. Man hätte uns schon fast als Teilzeitvegetarier bezeichnen können. Irgendwann war ich angesteckt, habe mich mit dem Thema beschäftigt, und das Buch “Eating Animals” von Jonathan Safran Foer gelesen. Das hat mir die Augen geöffnet. Von da an gab es auch für mich kein Zurück mehr und ich habe von heute auf morgen aufgehört, tierische Produkte zu essen – eine der besten Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe.

Tabitha: Hast du denn nie Bock auf ein Steak – beim Grillen mit Freunden?

Katrin: Nein, nie. Leckere Salate wie ein Couscoussalat, Maiskolben, Gemüsepäckchen oder Baguette mit selbstgemachtem Hummus – wer braucht da noch Fleisch. Ich kaufe 1-2 x im Jahr auch mal Sojawürstchen, öfter aber nicht. Diese gerne als “Ersatzprodukte” bezeichneten Lebensmittel sind stark verarbeitet und kommen bei mir deshalb nur ganz selten auf den Teller. Vielen Neu-Veganern helfen diese Produkte aber bei der Umstellung. Unsere Ernährung ist so eng mit unserer Kultur verzahnt wie kaum ein anderer Lebensbereich. Triffst du irgendwann die Entscheidung, kein Fleisch mehr zu essen, hast du häufig viele, viele Jahre lang Fleisch gegessen. Wenn dir der Geschmack von Fleisch fehlt – warum nicht mal ein Sojasteak oder einen Seitanbraten essen? Es soll ja auch Personen geben, die alkoholfreies Bier oder koffeinfreien Kaffee trinken.

Tabitha: Wie regeln Veganer den Eiweißgehalt ihrer Ernährung?

Katrin: Ganz einfach: ich nehme genügend Kalorien zu mir. Praktisch jedes Lebensmittel enthält Eiweiß. Eiweißmangel gibt es in Europa und Nordamerika bei gesunden Menschen nicht. Eine Ausnahme: du nimmst zu wenig Kalorien zu dir. Das passiert leicht bei Personen die abnehmen wollen und sich kalorienreduziert ernähren. Hülsenfrüchte wie Bohnen, Linsen und Kichererbsen, Vollkorngetreideprodukte (Weizen, Hafer, Hirse) und Pseudogetreide (Quinoa, Amaranth) sind sehr gute und häufig günstige Eiweißlieferanten.

Selbst Obst und Gemüse enthalten bezogen auf ihren Energiegehalt 8-10% Proteine. So schaffen es selbst Läufer wie Michael Arnstein, der sich ausschließlich von Obst und Gemüse ernährt, sportliche Höchstleistungen zu vollbringen. Michaels Marathonbestzeit liegt bei 2:28 Stunden, und im Jahr 2012 ist er 100 Meilen in 12:57 Stunden gelaufen – die achtschnellste Zeit eines Amerikaners überhaupt auf der Distanz.

Tabitha: Wie kann man sich vom „Fleischfresser“ zum Veganer entwickeln?

Vegane MahlzeitKatrin: Weniger oder gar kein Fleisch mehr zu essen funktioniert für jeden anders. Ich habe von heute auf morgen kein Fleisch oder Fisch gegessen und innerhalb nur wenigen Tagen sämtliche anderen tierischen Produkte wie Milch, Milchprodukte und Eier weggelassen. Andere reduzieren langsam, lassen zum Beispiel erst mal Schweine- oder Rindfleisch weg und essen nur noch Hühnchen. Jeder muss diesen Weg in seinem eigenen Tempo gehen. Ernährung ist ein sehr sozialisiertes Phänomen, das unser gesamtes Leben und Umfeld beeinflusst. Informiere dich gut über das Thema – wie jede Ernährungsform ist Veganismus mit Risiken verbunden. Einfach Fleisch & Co. weglassen ist keine gute Idee. Selbst in normalen Supermärkten oder Discountern kannst du heute viele verschiedene Sorten Pflanzenmilch kaufen – es gibt nämlich viel mehr als nur Sojamilch, die für viele gewöhnungsbdürftig ist. Wenn du es willst, dann schaffst du es auch, aber du musst es eben wollen. “Rückschläge” sind normal und gehören dazu – “der Weg ist das Ziel”.

Tabitha: Verrate uns doch bitte dein Lieblingsrezept

Katrin: Oh, da gibt es ganz viele. Ich esse sehr gerne indisch oder asiatisch und lasse mich immer wieder von Rezeptblogs inspirieren. Eines meiner Lieblingsgerichte ist „A Grain, a Green and a Bean“! Dahinter verbirgt sich das Grundgerüst, dass das Gericht eine Getreidekomponente, ein Blattgemüse und ein Hülsenfrucht enthält. Die Variationsmöglichkeiten sind unzählig: Vollkornreis mit einer Brokkoli-Kidneybohnen-Pfanne, Couscous mit Spinat und Kichererbsen oder eine deftige Rosenkohl-Tomatenpfanne mit Linsen auf Quinoa – und das sind nur drei Möglichkeiten, die du immer wieder saisonal und nach deinem eigenen Geschmack variieren kannst.

Tabitha: Danke für das Interview.


Kategorien : Ernährung Gesundheit


Schönes Interview zu einem interessanten Thema. Beschäftige mich Verletzungsbedingt mit dem Thema veganismus. Damit der Körper basisch bleibt und nicht übersäuert, kommt man kaum daran vorbei. Habe bisher noch keine Nachteile gefunden. Fleisch und Milchprodukte sind zur zeit Tabu und vielleicht lasse ich sie ja auch bald ganz weg 😉
Grüße, Olli
http://www.flitz-piepen.de

Ein faszinierendes Thema. Auch wenn ich Katrin von ihrer Seite her kenne und schon vieles von ihr und Daniel erfahren konnte, fand ich das Interview sehr interessant und lesenswert. Vielen Dank dafür.

Genauso ist es: Langsam angehen. Ich selbst lebe seit guten vier Monaten vegan, davor drei Jahre vegetarisch. Je mehr man sich mit dem Thema Tier- und Umweltschutz beschäftigt, desto logischer und selbstverständlicher wird der Umstieg. Und auch beim Lauftraining habe ich keine Einbußen erfahren, im Gegenteil!

Ein tolles Interview, danke dafür.

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