Es regnet und schneit an diesem 19. April 1967. Trotz allem nimmt sich einer der rund 740 Teilnehmer des 71. Boston die Wollmütze ab. Aber nicht, um dem Wetter die Stirn zu bieten, sondern einem Status Quo zu trotzen, der es Frauen verbietet, offiziell bei Marathons zu starten. Unter der Mütze steckt nämlich… eine Frau! Mit einer Startnummer auf Brust und Rücken, die sie nicht haben darf, weil Männer das so entschieden haben. Natürlich nur zu ihrem Besten, denn ihr und allen anderen laufenden Frauen könnte auf langen Distanzen ja beispielsweise die Gebärmutter herausfallen. Unglaublich? Ja, genau so unglaublich, wie das, was im Laufe dieses Boston Marathons der Trägerin der Startnummer 261 noch passiert!

„My coach didn’t believe that a woman could do the marathon distance…“ Kathrine Switzer

Jetzt, da sie enttarnt ist, können wir der Frau mit der Startnummer 261 auch einen Namen geben. Es ist Kathrine Switzer, Studentin, 21 Jahre alt, begeisterte Läuferin und Mitglied im Laufteam ihrer Uni. Sie ist nicht die erste Frau, die beim Boston Marathon startet; Bobbi Gibb hat das schon ein Jahr vor ihr getan, allerdings außerhalb des Wettkampfs und damit auch ohne offizielle Wertung. Kathrine ist die erste, die sich eine Startnummer „organisiert“, in dem sie bei der Anmeldung lediglich ihre Initialen angibt: K. V. Switzer.

Nun erkennen auch viele ihrer männlichen Mitläufer, dass da eine Frau mit ihnen läuft, und viele beglückwünschen sie zu ihrem Mut und ihrer Entscheidung. Eine Entscheidung, die sie getroffen hat, um zu zeigen, dass auch Frauen Marathons laufen können. Daran glaubte im Vorfeld nämlich selbst ihr eigener Trainer nicht:

“My coach didn’t believe that a woman could do the marathon distance but promised to take me to Boston if I showed him in practice that I could do it. We trained hard and one day ran 31 miles, and he was amazed, exhausted, and also proud. True to his word he helped me enter the race.” (Kathrine Switzer)

„Verlass verdammt noch mal mein Rennen und gib mir die Startnummer“ Jock Semple, Rennleiter 

Aber einer ist absolut nicht begeistert von Kathrines Mut: Der Renndirektor des Boston Marathon, Jock Sample! Und handelt sofort. Sample läuft hinter Kathrine her und versucht ihr mit den Worten „Verlass verdammt noch mal mein Rennen und gib mir die Startnummer“, die Nummer vom Rücken zu reißen. Was ihm nicht gelingt, denn zwei Männer sind jetzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um Kathrine zu helfen. Der eine ist ihr Freund, Tom Miller. Als ehemaliger Footballspieler und Hammerwerfer, tackelt er Jock so, dass dieser nur einen Fetzen der Startnummer erwischt. Der andere ist Harry Trask, ein Fotograf des Boston Traveler, der diese Attacke des Renndirektors gegen Kathrine mit seiner Kamera im wahrsten Sinne des Wortes festhält.

Kathrine verunsichert der Vorfall, aber sie läuft weiter. Jetzt will sie erst recht zeigen, dass sie es schaffen kann und dass der alte Mann hinter ihr, der immer noch ungläubig den kleinen Fetzen ihrer Startnummer in der Hand hält, keine Ahnung hat, was Frauen alles schaffen können.

„I knew if I quit, nobody would ever believe that women had the capability to run 26-plus miles. If I quit, everybody would say it was a publicity stunt. If I quit, it would set women’s sports back, way back, instead of forward. If I quit, I’d never run Boston. If I quit, Jock Semple and all those like him would win. My fear and humiliation turned to anger.“

Also läuft sie weiter, überquert nach 4 Stunden und 20 Minuten die Finishline und landet damit einen Sieg auf ganzer Linie. Für sich persönlich und für alle Frauen im Ausdauersport… wie sich in den nächsten Jahren zeigen wird.

261Fearless – lauf dich stark!

Boston entgegen vieler Widerstände zu finishen, hat Kathrine nachhaltig gestärkt. Und es hat auch den Frauenlauf positiv verändert, denn viele laufende, sportliche Frauen haben an ihrem Beispiel gesehen, dass auch sie es schaffen können – entgegen eigener Selbstzweifel und von außen aufoktroyierter vermeindlicher Unzulänglichkeiten. Für Katherine Switzer ist Boston 1967 – und ihre Laufleidenschaft generell – auch ein Lauf zu sich selbst: „Laufen macht mich zu dem, was ich bin!“.

Aus dieser Überzeugung heraus setzt sie sich bis heute für Frauenrechte, vor allem für die Rechte von Frauen im Ausdauerport, ein. So war sie beispielsweise federführend an der Kampagne beteiligt, die dafür gesorgt hat, dass 1984 in Los Angeles der Frauen-Marathon erstmals als olympische Disziplin an den Start geht. Und 2016 gründete sie die Non-Profit Organisation 261Fearless. 261, weil das ihre Startnummer beim Boston-Marathon war. Und Fearless, weil sie Frauen mit dieser in über elf Ländern agierenden Organisation helfen will, durch das gemeinsame Laufen oder Walken, Selbstzweifel zu überwinden und ihr Selbstbewusstsein zu stärken – und das im doppelten Wortsinn aktiv:

“All you need is the courage to believe in yourself and put one foot in front of the other.”

Dem ist wohl nichts hinzuzufügen! Doch, das hier vielleicht noch:

  • Mittlerweile gibt es in Europa mehr als 400 reine Frauenläufe.
  • In Amerika finishen insgesamt mehr Frauen bei Marathons als Männer!
  • Die aktuelle Marathonbestzeit der Frauen liegt bei 2:14:04 (Brigid Kosgei KEN)!
  • Der Laufsport ist eine der wenigen Sportarten, bei denen Männer und Frauen in Sachen Preisgeldern gleichgestellt sind!

Also: Schuhe an und los, Schritt für Schritt!

 

Bildquelle: https://kathrineswitzer.com/photos/

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Kategorien : Erlebnisberichte & Events Rund um Sport, Fitness und Lifestyle Womens Special


reine Frauenläufe sind genauso sexistisch wie reine Männerläufe. Ich sehe da jetzt keinen Fortschritt.

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