MentalcoachingMan kann zwar mit mentalem Training „aus einem Würstchen kein Steak machen“, wie unser Gastexperte und Mental Coach Michele Ufer erklärt, aber wir kennen sicher alle den „Mann mit dem Hammer“, die Angst vorm Versagen und den Wunsch, einfach die nächste Bar aufzusuchen statt weiter zu rennen. Doch welche Rolle spielt der Kopf im Sport? Können wir mental unseren Körper besiegen? Bei einem 250km-Wüstenlauf oder dem Mount Everest Marathon gibt es sicher so einige Kämpfe mit dem Kopf. Wir haben den Extrem-Sportler Michele Ufer zum Interview gebeten. Seine Antworten findet ihr hier:

Mal in 2 oder 3 Sätzen, Michele: wer bist du eigentlich?

Michele: Ich bin passionierter Trail- & Ultramarathonläufer, am besten passt wahrscheinlich das Label Abenteuerläufer. Beruflich arbeite ich als Sportpsychologe und Mentalcoach und begleite in dieser Funktion Athleten unterschiedlicher Sportarten (Hobby bis Nationalmannschaft), auch Läufer. Vom Einsteiger über den Marathoni bis zum Extrem-/Ultraläufer ist alles dabei.

Was hast du in 2013 sportlich erlebt und was war dein großartigster Moment?

Michele: Ich war zum dritten Mal am Mount Everest, habe dort den Everest Extreme Ultramarathon über 68 km erfolgreich absolviert und parallel mit 2 Kameras ausgerüstet für unseren Film „Marathon am Mount Everest“ gedreht. Außerdem war ich in der Türkei beim Runfire Cappadocia, bin dort über 135km gestartet und Zweiter geworden. Mitte November geht es nach Namibia zum Desert Ultra, ein Etappenlauf über 250km durch die Namib-Wüste. Im Anschluss starte ich ein neues Buchprojekt – das wird sehr spannend, es kribbelt schon in meinem Bauch, wenn ich daran denke.

Mentalcoaching 1Du beschäftigst dich als Mentaltrainer ja viel mit dem Kopf – warum ist er gerade für Läufer eigentlich so entscheidend?

Michele: Der Kopf ist nicht nur für Läufer, sondern in jeder Sportart entscheidend. Denn in unserem „Gehirnmuskel“ laufen wie bei einer Schaltzentrale alle Drähte zusammen. Hier werden letztlich unsere Wahrnehmungen, sämtliche Bewegungen, unsere Emotionen und Gedanken gesteuert. Und es gibt starke Hinweise aus der Sportmedizin, dass das Gehirn bei Ausdauerleistungen der leistungslimitierende Faktor ist und nicht, wie meist angenommen, die Muskeln bzw. metabolische Prozesse. Auch Ultraläufer bestätigen immer wieder, dass man die ersten Kilometer mit dem Körper läuft und danach alles Kopfsache sei.

Als Kind macht man sich keinen Kopf über solche Dinge, warum sind wir Erwachsene so kopflastig?

Michele: Sind wir das? Aus der neurowissenschaftlichen Forschung wissen wir mittlerweile, dass z.B. unsere vermeintlich so rationalen Entscheidungen in den Tiefen unseres Gehirns bereits eine halbe Ewigkeit getroffen sind, bevor sie sich dem Bewusstsein erschließen. Haynes bringt das ganz nett auf den Punkt: „Bewusstsein ist nur eine PR-Aktion Ihres Gehirns, damit Sie denken, Sie hätten auch noch was zu sagen“.

Was denkst du: wie viel Training kann der Kopf kompensieren?

Michele: Gar keins. Oder anders ausgedrückt: Aus einem Würstchen kann man auch mit mentalem Training kein Steak machen. Mentales Training hilft allerdings dabei, die Wahrscheinlichkeit dramatisch zu erhöhen, all die Potentiale, Fähigkeiten und Möglichkeiten, die in einem stecken, auch wirklich abzurufen. Und es hilft, stimmigere Ziele zu entwickeln und so zu verankern, dass sie wirklich nachhaltig motivieren und das Handeln konsequent in die richtige Richtung lenken. Auch unbewusste Blockaden können aufgespürt und aufgelöst werden, häufig kommt es dann zu dramatischen Leistungssprüngen oder Verbesserungen des Wohlbefindens.

Wie geht man mit Niederlagen um?

Michele: Ich würde vorschlagen, sie Lernfelder zu nennen und nachdem man mal durchgeatmet hat, rückblickend zu schauen, was man daraus für die Zukunft lernt. Ansonsten aber ist das ein sehr individueller Prozess, der je nach Situation ganz unterschiedlich ablaufen und zu unterschiedlichen Ergebnissen führen kann.

Mentalcoaching 2Was kann man gegen Nervosität in der Nacht vorm Wettkampf tun?

Michele: Sex. Sex. Sex. Aber nicht zu wild, haha. Und ganz allgemein Dinge, die einen entspannen. Es gibt sehr wirksame Techniken, wie progressive Muskelrelaxation oder Selbsthypnose. Man könnte auch fragen, wo die Ursachen für eine übermäßige Nervosität liegen und daran arbeiten, eben diese aufzulösen bzw. in Selbstbewusstsein umzuwandeln. Man könnte auch, wenn dieses Kribbeln nicht zu stark wird, es umdeuten und einfach genießen: Körper und Geist stimmen sich schon langsam ein und beginnen, die Leistungsbereitschaft zu erhöhen.

Was macht man gegen den „Mann mit dem Hammer“?

Michele: Ehrlich gesagt, kenne ich den „Mann mit dem Hammer“ nicht, ich bin ihm noch nie begegnet. Aber ich habe schon des Öfteren davon gelesen. Könnte sein, dass dieses Phänomen ein bisschen wie eine Sich-selbst-erfüllende Prophezeiung wirkt… Allgemein kann es leistungsfördernd und selbstbewußtseinsstärkend sein, sich mit den Herausforderungen und Schwierigkeiten bei einem Wettkampf zu beschäftigen und mögliche Handlungsstrategien zurechtzulegen. Dann ist eine böse Überraschung keine böse Überraschung mehr.

Mentalcoaching 3Inwieweit kann man vom Mentaltraining auch im Alltag profitieren? Kann man das vom Sport auf den Alltag übertragen?

Michele: Mentaltraining wird längst auch in Lebensbereichen außerhalb des Sports eingesetzt. Ich selbst arbeite auch mit Unternehmen, Führungskräften, Selbständigen und Künstlern. Menschen, die unter hohem Leistungs- und Erwartungsdruck stehen und durch mentale Trainingstechniken das persönliche Selbstmanagement verbessern, um die Leistungsfähigkeit zu erhöhen, Ziele schneller, besser oder entspannter zu erreichen und die Gesundheit zu stärken.

Falls ihr mehr über Michele Ufer wissen wollt oder Fragen habt, meldet euch gerne bei Michele. (www.michele-ufer.de)


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Kategorien : Gesundheit Trainingstipps


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