Ein Erlebnisbericht von Startnummer 261-2

Was hatte ich nicht alles über dieses Laufevent gehört? „Du wirst fluchen“. „Du wirst überwältigt sein“. „Du wirst deine Grenzen kennenlernen“. „Du wirst heulen vor Glück“. „Das wird das Anstrengendste sein, was du je gemacht hast“. „Ihr werdet euch in den Armen liegen“. So oder so ähnlich waren die Kommentare von den bisherigen Teilnehmern eines der spektakulärsten Running-Events der Welt. Und ich hatte einen Film darüber gesehen.

Dieser Dokumentationsfilm, „Heaven & Hell“, vom Transalpine Run 2011 hatte mich derart beeindruckt, dass ich bei der 9. Auflage in 2013 unbedingt dabei sein wollte.

Transalpine Run - vor dem StartMit Jens Meyer aus Dortmund, einem der Protagonisten aus „Heaven & Hell“, hatte ich einen extrem routinierten und erfahrenen Trailläufer als Teampartner gewonnen, und als Team Pearl iZUMi – Runners Point gingen wir mit der Startnummer 261 unter dem Motto „Finish & Survive“ das große Abenteuer an.

Nach einer stimmungsvollen Eröffnungsfeier, bei der die 366 Zweierteams aus 36 Nationen gebührend empfangen wurden und noch mal kräftig Carboloading betrieben wurde, standen wir am Samstag, den 30. August, in Oberstdorf an der Startlinie, und hofften darauf, 8 Tage, 261 km und 16.000 Höhenmeter später in Latsch/Vinschgau das unvergessliche Gefühl, ein Finisher des Transalpine Run zu sein, erleben und das begehrte Finisher-Shirt entgegen nehmen zu können. Vielleicht war es ja ein gutes Omen, dass unsere Starnummer gleichbedeutend mit der zu bewältigenden Strecke war?!

Etappe 1: Oberstdorf – Lech

Transalpine Run - Etappe 1Die Auftaktetappe wartete gleich mit knapp 35 km Länge und 2.000 Höhenmeter auf und war alles andere als ein lockerer Aufgalopp. Jens und ich fühlten uns frisch und ausgeruht und waren guter Dinge, einen guten Einstieg in die Tour hinzukriegen. Aber gleich beim ersten Abstieg vom 2214 m hohen Fidererpass wurden mir meine Defizite deutlich aufgezeigt: während ich beim Aufstieg noch relativ gut mithalten konnte, flogen bei der Abwärtspassage durch ein Geröllfeld reichlich Teilnehmer regelrecht an mir vorbei. Unsere Kohlen- und Müllhalden im Ruhrgebiet sind eben als Trainingsreviere nur bedingt geeignet, wenn man zügig die Berge der Alpen überqueren möchte. Bei dem Versuch, als Flachlandtiroler auch abwärts eine passable Figur abzugeben, passierte es dann: ich knickte mit dem linken Fuß um, überschlug mich (nach Aussagen anderer Teilnehmer echt spektakulär!), schaffte dabei durch die Steilheit des Hanges das, wobei ich in der Schule beim Turnen immer große Probleme hatte – nämlich die Rolle rückwärts durch den gestreckten Handstand – und blieb schließlich in einer Art Bauchlage liegen. Ok, dachte ich im ersten Moment, das war’s dann wohl schon mit dem großen Abenteuer. Nach einigen Minuten in Schreckstarre und mit leichter Übelkeit war ich mir aber sicher, dass mein Körper trotz diverser Hautabschürfungen und Prellungen rein mechanisch weitermachen konnte. Und mein Kopf wollte es erst recht. Also los!

Kilometer um Kilometer erholte ich mich von dem Schrecken, und schließlich konnten wir die erste Etappe noch über 1 Stunde vor dem Zeitlimit in Lech beenden. Zur Sicherheit ließ ich mich dann von der Medical Crew noch durchchecken und die Wunden versorgen. Erst nach und nach registrierte ich, dass ich beim Sturz wohl eine Menge Glück gehabt hatte und war überglücklich, überhaupt noch im Rennen zu sein, und das gleich nach der ersten Etappe.

Etappe 2: Lech – St. Anton

Transalpine Run - Etappe 2 - vor dem StartDa es über Nacht mit dem Schlaf und vor allem mit der erhofften spontanen Selbstheilung überhaupt nicht geklappt hatte, fühlte ich mich bei Aufstehen ziemlich gerädert und von der schlechten Wetterprognose auch nicht gerade unterstützt. Nützte aber alles nichts, wenn ich mit Jens weiter im Rennen bleiben wollte, musste ich die Etappe mit scheinbar wenigen 24,7 km Länge und 1.900 Höhenmeter irgendwie schaffen.

Plan 1 war, mir ab sofort die Sprunggelenke zu tapen, damit ich im Abstieg sicherer und stabiler war.

Transalpine Run - Etappe 2 - unterwegsPlan 2 war, sich die gute Laune durch die Schmerzen in Folge des Sturzes nicht verderben zu lassen, und sich kleine Ziele in Form von sicherem und zeitigem Ankommen an den Kontrollstellen zu setzen. Während Plan 1 hervorragend funktionierte, ging Plan 2 nicht wirklich auf, denn wir waren in diverse Staus auf der Strecke verwickelt. So ging es beim ersten Abstieg nur sehr langsam voran, da der Untergrund durch die Feuchtigkeit sehr rutschig wurde. Aber bezüglich Downhill war ich ja mittlerweile sensibilisiert.

Der 2. Anstieg wurde dann sehr schwer, da die Temperatur schnurstracks Richtung 0 Grad ging und der Regen teilweise in Schnee überging. Der Untergrund wurde immer gerölliger und rutschiger. Dennoch schafften wir es, am 3. und letzten Kontrollpunkt 15 min vor dem Zeitlimit einzutreffen.

Transalpine Run - Etappe 2 - das Ziel vor AugenDie letzten 5 km, bei denen 1000 m im Abstieg zu absolvieren waren, konnte ich aber trotz aller Motivationskünste von Jens im geforderten Tempo nicht leisten, so dass wir 8 Minuten über dem Zeitlimit im Ziel in St. Anton ankamen, was uns zunächst die Mitteilung einbrachte, dass wir aus der Finisher-Wertung heraus wären. Damit brach für mich erst mal eine Welt zusammen. Ich war völlig niedergeschlagen. Erst der Sturz gestern, dann heute bis zum VP3 tapfer gekämpft, und trotzdem raus? Dann die erlösende Nachricht: nachdem klar war, dass lediglich die absoluten Spitzenläufer den letzten Abschnitt in der geforderten Zeit geschafft hatten, wurde das Zeitlimit im Ziel um 1:15 Stunde verlängert. Was für Jens und mich hieß: weiter im Rennen und weiterhin Chance auf das begehrte Finisher-Shirt! Yippieh!!

Abends dann der nächste Schocker. Original-Ton des Briefings für Etappe 3: “Die 3. Etappe des GORE-TEX® Transalpine-Run 2013 ist eine der härtesten Tagesetappen, die beim Transalpine-Run jemals gelaufen wurden. Knapp 3000 Höhenmeter Anstieg verteilt auf 38,4 Kilometer Horizontaldistanz werden den Läufern alles abverlangen. Zwei lange Anstiege mit über 1500 bzw. 1400 Höhenmetern über die Doppelseescharte (2786 m) in der Verwallgruppe bzw. das Viderjoch (2737 m) in der Silvrettagruppe, die jeweils von langen Downhills abgelöst werden, sprechen eine eindeutige Sprache. Auf dieser Etappe geht es bei den meisten Teilnehmern schlichtweg darum, ins Ziel zu kommen. Jeder, der nicht sehr alpin erfahren, absolut schwindelfrei und 100%ig trittsicher ist, hat bei dieser Etappe in den Bergen nichts zu suchen! Wer diese Voraussetzungen nicht erfüllt, möge am besten bei der 1. Verpflegungstelle aussteigen.”
Ich muss zugeben, dass ich abends im Bett lag und überlegte, wie ich es Jens am besten beibringen könnte, dass das Ganze wohl eine Nummer zu groß für mich sei.

Etappe 3: St. Anton – Samnaun

Transalpine Run - Etappe 3 - vor dem StartUm 5 Uhr klingelte der Wecker, und ich gab mir alle Mühe, mir meine Skepsis über mein Verbleiben im Rennen nicht anmerken zu lassen. Andererseits hatte ich gut geschlafen und großen Hunger auf ein kräftiges Frühstück – ein gutes Zeichen. Am Start erhielten wir dann Teamzuwachs von Daniela aus Dortmund, deren Partner nach der Etappe am Vortag wie viele Andere bereits aus dem Rennen ausgestiegen war. Daniela wollte aber unbedingt den Kampf um das Finisher-Shirt weiterführen und bat darum, bei uns mitlaufen zu können. Wir stimmten selbstverständlich zu. Beim obligatorischen „Highway to Hell“ kurz vor dem Start wechselte meine Anspannung in Vorfreude und mein Gefühl sagte mir auf einmal: irgendwie kommst du da heute durch!

Transalpine Run - Etappe 3 - AufstiegBesseres Wetter, ein souveräner Teampartner Jens und ein unglaubliches Panorama halfen mir, den ersten Teil dieser schweren Etappe regelrecht zu genießen. Ich hatte richtig Spaß daran, wovor ich eigentlich Angst haben sollte – oder eher wollte? Wie auch immer, das Transalpine-Fieber hatte mich zu diesem Zeitpunkt endgültig im Griff, und alle Gedanken waren nach Vorne gerichtet.

Aber, es gibt eben keine leichten Etappen beim Transalpine Run, und so kamen wir zwar hoch emotionalisiert, aber nach einem sehr anstrengenden Abstieg ziemlich erschöpft in Ischgl an und hatten lediglich 20 min Luft zum Zeitlimit. Also blies „Schinder-Jens“ nach kurzer Stärkung unerbittlich zum Angriff auf den zweiten Berg, was wiederum 1.400 m Höhenmeter im Anstieg bedeuteten. Zur Belohnung gab es auf 2.730 m Höhe nach Deutschland und Österreich die nächste Grenzüberschreitung: Grüezi Switzerland! Und nicht nur das, denn auch die Zeiten stimmten, und so konnten wir mit reichlich Zeitreserven in Samnaun überglücklich die Ziellinie überqueren.

Transalpine Run - Etappe 3 - im ZielUnd der Belohnung in Form des erfolgreichen Finishs der 3. Etappe folgten an diesem Tag noch weitere: Sektempfang im Hotel, ein Saunagang und eine Pastaparty vom Allerfeinsten oben auf der Bergstation. Und immer mehr machte sich bei mir das Gefühl breit, dass es was werden könnte mit dem Finisher-Shirt.

Etappe 4: Samnaun – Scuol

Transalpine Run - Etappe 4 - UnterwegsAn diesem Morgen war es mal umgekehrt. Jens kam etwas schwerer in die Gänge, während ich vor Tatendrang nur so strotzte (ok, jetzt übertreibe ich etwas). Ein legendäres Frühstücksbuffett mit frisch zubereitetem Omelett, Lachs, Müsli und, und, und sowie die Aussicht auf sonniges und warmes Wetter sorgte dann aber schnell für ein „Ready for take-off“ in unserem Team. Außerdem würde die Etappe ins schöne Schweizer Engadin führen, worauf sich eigentlich jeder normale Mensch freuen sollte.

Energie- und emotionsgeladen sind wir dann der Höhe und der Sonne entgegen, und bei herrlichstem Wetter konnten wir tatsächlich viele Trails laufend absolvieren. Team 261 Pearl iZUMi – RUNNERS POINT lag gut in der Zeit, und so konnte sich Jens diversen Fotosessions, dem Verbreiten von deutschem Liedgut und Gesprächen mit anderen Teilnehmern widmen, während ich mich in Techniktraining beim Downhill geübt habe.

Transalpine Run - Etappe 4 - RastAlles in allem war es eine Etappe zum Genießen, auch wenn wieder mal 37 km bei 2000 m im Aufstieg und 2700 m im Abstieg zu absolvieren waren. Gleichzeitig konnte ich auch die Erkenntnis gewinnen, dass es mir umso besser ging, je mehr ich Essen und Trinken konnte. Das war zu Beginn der Tour nicht so, aber ich mauserte mich zur kleinen Buffettfräse an den Verpflegungsstellen, kam allerdings an Jens’ Umfänge immer noch nicht heran, was auch so bleiben sollte. Ein beim Frühstück im Hotel geklautes Lachsbrötchen, mit Gurken, Frischkäse, Salz und Pfeffer verfeinert, sorgte für extrem neidische Blicke bei anderen Teilnehmern auf einem der schönsten Übergänge der ganzen Tour.

Eine kleine Anekdote hatte auch diese Etappe. Unsere Gastläuferin Daniela lief an der 2. Verpflegungsstelle in dem Glauben los, Jens und ich seien bereits unterwegs. Kurz vor dem Ziel gab sie die Verfolgung entnervt auf. Kurz danach hatten stattdessen wir sie eingeholt, da hatte sie aber bereits lockere 18 km absolviert. That‘s also Transalpine!

Gut getan hat dann das Lob von Jens, ich sei eine klasse Etappe gelaufen. Gut gekämpft, gleichmäßig den Berg hoch, flachere Passagen gelaufen und auch bergab wenig gegangen. Und das aus dem Munde meines großen Meisters! So konnte es gerne weiter gehen!

Und wie es weitergeht, das erfahrt ihr morgen im 2. Teil!


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Kategorien : Erlebnisberichte & Events


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